Die Zeitschrift Federwelt schreibt einen der angesehensten deutschen Literaturpreise aus, dieses Jahr bereits zum 17. Mal. Das Thema lautet:
"frei sein".
Hier sind die Bedingungen:
- 11.000 bis 13.000 Zeichen (ohne Leerzeichen)
- einzusenden als Word-Dokument
- nur ein Beitrag pro Teilnehmer/in
- per E-Mail an lesung@hs-veranstaltungen.de
- Einsendeschluss 20. September 2012
Das gibt es zu gewinnen:
- Publikumspreis 1.000 Euro + ein Stipendium im Tophotel
- Jurypreis 250 Euro + Veröffentlichung in der Zeitschrift Federwelt
Dienstag, 14. August 2012
Montag, 9. Juli 2012
Grenzgängerin Olga Manj: Wolfsmann
Olga Manj schreibt Lyrik und Prosa, sie erforscht Verstand und Gefühl, Mensch und Kreatur - und sämtliche Grenzgebiete. Davon zeugt auch ihr Gedicht "Wolfsmann", das sie neben einer Kurzgeschichte im Mannheimer theater oliv (14.07.12) vortragen wird.
Wolfsmann
In
sengender Hitze die Füße auf Eis,
gehüllt
in das Fell eines Wolfes.
In
züngelnde Geistwelt eingeschlossen,
harrt
er der Ausbrüche,
die
Blitze in den Himmel schleudern.
Er
sprang vor Zeiten auf glattes Parkett,
auf
einen vereisten Fluss am Ufer der Wüste.
Ist
sicher auf allen Vieren gelandet,
zwischen
nächtlicher Wüste und hellem Wald,
auf
der bitteren Scheide des Wissens.
In
diesem Zwielicht von Tag und von Nacht,
explodiert
die feurige Hülle ins Nichts.
Er
richtet sich auf und spürt
das
Fell, das unter dem Maßanzug kratzt.
So
schlittert ein Wolfsmann auf dem Eis,
zwischen
Mannsein und Frausein in Wehmut,
zwischen
Urwaldhitze und trockner Wüste
auf
der Kante der scharfen Gefühle.
In
der Wüste sitzen Frauen,
singen
Lieder unter funkelnden Sternen.
Und
drüben im Urwald da trommeln sie,
auf
der Lichtung im Schatten des Tages.
„Fließ
Fluss“, hört er sie aus weiter Ferne
und
„Fluss, fließ endlich weiter.“
Er
sieht, wie sie alle näher wogen,
hie
aus der Nacht und da aus dem Tag.
Doch
in seiner Näh’ auf dem glatten Eis
da
rutschen die Frauen aus, rettungslos aus,
die
aus der Wüste und die aus dem Wald.
Dabei
schaut einer zu, fassungslos zu.
Ein
huschendes Lächeln im Blick wie ein Kind
dreht
er jetzt ab, vom unlebbaren Leben.
Stumm
gleitet er als schwarzes Nichts
zerbrechlich,
schillernd, durchsichtig weiter.
Vor
langen Zeiten einmal auf hoher Fahrt,
gesprungen
aus kraftblauem Himmel.
Doch
jetzt gleitet einer immer weiter
auf
eisiger Fläche ins Feuer zurück.
Über die Autorin:
Bisher erschienen 1995 der Gedichtband ›Liebe und
sonstige Schrecklichkeiten‹ und einzeln veröffentlichte Geschichten, darunter
1997 ›Braves Mädchen‹, 1998 ›Die Hexe Snella‹, 2003 ›Die Königin der Nymphen‹
und 2005 ›Der Selbstmord‹. Die Autorin lebt und arbeitet in Mannheim. Sie gehört
der Heidelberger Literaturoffensive (LitOff) seit 2003 an. In folgenden Anthologien dieser
Autorengruppe ist sie mit Gedichten und Geschichten vertreten: Nachtmenschen
(2003), In den Tag (Hörbuch, 2004), Romantik-Spiegel (2006).
Olga Manj Die schöne Bäckerin
Kurpfälzer Dekamaron.
Lustvolle Geschichten von einer Landfrau, die gerne sommerliche Obsttorten backt. Über dem Stall hat sie heimlich ein Filmstudio eingerichtet, für sie junge Männer beim sexy Tortenessen fürs Publikum abfilmt und gelegentlich auch vernascht. Doch ihr Mann und die anderen Landfrauen kommen dahinter.
8,90 EUR ISBN 978-3-931382-38-4 Seidler Verlag
Sonntag, 8. Juli 2012
Grenzgänger Helmut Orpel: Die unsichtbare Stadt
Helmut Orpel überspringt Grenzen, zwischen Realität und Vision, Vergangenem und Gegenwärtigem. Auf der Mannheimer KultTour (14.07.12, ab 19:00 Uhr) wird er mit seiner Kurzgeschichte "Die unsichtbare Stadt" den Beweis antreten. Sie geht von einem wirklichen Ereignis aus und führt in der Phantasie weiter bis zu den Quellen des Entstehens. Auf dieser Reise begegnet er dem Dichter Oswald von Wolkenstein, der zu Beginn des 15. Jahrhunderts eine Reise in die Kurpfalz unternahm. „Hat eine Stadt eine Seele“, fragt sich der Autor. „Und ist das, was wir wahrnehmen, nur der Ausfluss dieser Seele?“
„Wenn Mannheim eine Seele
hat, so ist sie feucht, moderig und faltenreich. Die sichtbare Gestalt der
Stadt ist ein Reflex der Unsichtbaren.
Im Licht der Nacht blüht Mannheim richtig auf und die Lupinenstraße ist
überregional weit bekannter als das Nationaltheater. Woher kommt´s? In diesem Zwiespalt zwischen Wollust und
Moral, zwischen Ordnung und Chaos, zwischen Sittsamkeit und Heuchelei hat
Mannheim seinen Ursprung.
Man erkennt dies nicht
sofort, es ist fast wie bei der Seele, man spürt wie dort die Wirkung. Schiller
spürte sie und Mozart auch. Sie bissen sich die Zähne aus an dieser Stadt und
wurden später einverleibt, so ganz wie Söhne, aber erst als sie anderenorts
berühmt geworden waren. Mannheim geht auf Nummer sicher. (Aus „Die unsichtbare
Stadt“)
Helmut Orpel wurde 1955 in
Grünstadt geboren. Nach einer Ausbildung als Bürokaufmann ging er nach Mannheim
und machte das Abitur. Danach studierte er in Heidelberg Philosophie,
Kunstgeschichte und spanische Literaturwissenschaft. 1995 promovierte er mit
einer Arbeit über die bildende Kunst im spanischen Bürgerkrieg. Er arbeitet als
Journalist, freier Autor und Dozent an der Fakultät für Gestaltung der
Hochschule Mannheim. Seit 2008 ist er Vorsitzender des Literarischen Zentrums
Rhein-Neckar. Die Räuber77 e.V.
Mehr unter: www.orpel.info
Mehr unter: www.orpel.info
Samstag, 7. Juli 2012
Grenzgänger Bernhard Schader: Heldenreise. Altes Format
Bernhard Schader sucht Grenzerfahrungen im Alltagsleben, in den scheinbar gewöhnlichen Ereignissen, die manchmal einen ungewöhnlichen Verlauf nehmen. Davon berichtet auch sein Text "Heldenreise. Altes Format", aus dem er am 14.07.12 in Mannheim auf der KultTour lesen wird.
Zur Einstimmung ein Ausschnitt aus einem 2011 geschaffenen Werk:
Im Süden der Stadt fahren die Busse pünktlich
Bevor sie zur Haltestelle gegangen ist, hat sie die Mülltonne auf die
Straße gestellt. Die Mülltonne wird immer mittwochs geleert, alle zwei Wochen.
Vorgestern war Montag, Peter kommt immer montags.
Im Bus haben sie jetzt sicher auch eine Kamera, auch im 53-er. Immer
kommt er zu spät, der 53-er. Und er ist so laut, vor allem im hinteren Teil ist
er so laut. Aber im hinteren Teil sitzt man höher und man sieht mehr. Den
Fahrer, die Fahrgäste, die Straße. Das große rote Plakat draußen: Jeder Mensch
hat etwas, das ihn antreibt, steht darauf, in weißer Schrift.
Sie hat alles gut vorbereitet. Ein Projekt muss man gründlich planen und
sorgfältig vorbereiten, hat Karl immer gesagt. Das hat ihr so sehr an ihm
gefallen: dass er immer diese großartigen Projekte realisiert hat. Realisieren,
das hat er gern gesagt. Das neue Badezimmer hat er lange geplant und vorbereitet
und wunderbar realisiert mit den italienischen Fliesen und der Badewanne mit
den Wirbeldüsen und der Dusche mit dem großen Duschkopf wie in dem Hotel in
England, in dem sie einmal waren. Wie ein englischer Regen fühlt es sich an,
wenn man darunter steht.
...
Die Kameras sind jetzt überall, nicht nur im Bus. Überall wird man
beobachtet. In der Bank, in der Straßenbahn, im Kaufhof. Sogar im Edeka-Markt.
Aber die Kameras sind kein Problem. Sie hat ihre Sonnenbrille in die
Handtasche gepackt, die wird sie aufsetzen, und ein großes Tuch wird sie sich
um den Kopf binden. Sollen sie ruhig denken, dass sie so eine Türkin ist. Die
tragen jetzt alle ein Kopftuch, die Türkinnen, auch die jungen. Da sieht man
endlich, wie viele das sind, an den Kopftüchern kann man es sehen. Dass das
einmal so viele sein würden, damit hat doch niemand gerechnet. Und diese jungen
Dinger, hautenge Hosen und Pullis und dazu Kopftücher.
...
Sie hat ihr Projekt lange geplant. Hat sich ausführlich informiert.
„Recherchiert“, hat Karl immer gesagt. Im Fernsehen kann man es jeden Tag sehen
und sie hat genau hingeschaut und viel dabei gelernt. Wie man in den Raum
tritt: aufrecht, mit zielstrebigem Schritt und entschlossenem Blick. Wie man
wieder hinausgeht. Auch das Timing, wie sie es nennen. Sie muss ja sofort in
einen Bus steigen können, kann nicht an der Haltestelle stehen bleiben. Lange
auf einen Bus warten kann sie nicht, das ist klar. ...
Bernhard Schader,
Jahrgang 49, Pädagoge und Psychologe, lebt in Mannheim und schreibt – nach
einigen fachlichen Veröffentlichungen – mit Vorliebe Kriminelles, lässt sich
aber gelegentlich auch auf andere Felder locken. Mitglied im Literaturverein „Räuber 77“ und im
„Literarischen Quadrat“.
Freitag, 6. Juli 2012
Grenzgängerin Petra Scheuermann: Na dann, Prost!
Petra Scheuermann erkundet Grenzbereiche zwischen Alltagsleben und Suchterfahrung. Ihre Kurzgeschichte "Na dann, Prost!" wird sie am 14.07.12 im Mannheimer theater oliv vorstellen.
Hier eine kurze Leseprobe:
„In Anna brannte der Hass auf ihren Vater wie hohes Fieber. Sie schlug die Tür ihres Zimmers hinter sich zu und bereute keine Glastür zu haben, das Bersten und Klirren des Glases hätte ihr etwas Genugtuung verschafft. Quer auf ihrem Bett liegend flennte sie Rotz und Wasser. Immer wieder sah sie die leuchtenden Augen Bennos vor sich, als ihm ihr Vater die Kakteenableger schenkte. „Dein Vater ist aber nett“, hatte Benno gesagt.
Benno ist tot, dachte sie.
Morgen wollte er vorbeikommen, um sechzehn Uhr. Er wird nicht kommen. Er wird niemals
mehr kommen. Er ist tot. Ich werde ihn nie mehr wieder sehen. Und ich werde
nicht erfahren, was Benno mir sagen wollte. Niemals!
Erst im dritten Blumenladen
gelingt es Anna einen Strauß Margeriten zu erstehen, er ist groß und
wunderschön. Natürlich hätte sie auch andere Blumen kaufen können, Gerbera zum
Beispiel. Aber sie hatte sich in den Kopf gesetzt, es müssten Margeriten sein.
Bennos Grab liegt nur zwei
Meter vom Grab seiner Freundin Sonja entfernt. Die Hälfte des
Margeritenstraußes stellt sie in die Vase, die fest in Bennos Grab eingelassen
ist, die restlichen Blumen legt sie auf Sonjas Grab.
An einem Sonntagmittag stand
Benno unerwartet bei Anna zu Hause vor der Tür, als sie gerade zu Leo
aufbrechen wollte. Er war ein ungebetener Besucher, der ihr eher lästig war.
Nicht, dass sie etwas gegen Benno gehabt hätte, er war Leos Freund und bislang
hatte sie sich nicht sehr viele Gedanken über ihn gemacht. Er war dick, der
einzige dicke Junkie, den sie kannte. Der Kopf auf seinem Körper erweckte den
Eindruck, als sei ein kleines Quadrat auf ein großes Quadrat genagelt worden.
Vielleicht war das der Grund, warum all seine Bewegungen etwas Linkisches
hatten. Sein Blick war unstet und suchend, als würde er jederzeit mit einem
Angriff aus dem Hinterhalt rechnen.“
Biographische Notiz
Petra Scheuermann, geb. 1959
in Frankenthal/Pfalz, Dipl.-Sozialarbeiterin, Heilpädagogin und Erzieherin,
mehrere Veröffentlichungen in Anthologien, eine Kurzgeschichte wurde 2011 –
2012 vom Theater Oliv im Rahmen der Kurz-Stücke-Theaterrevue „Warum Mannheim?“
aufgeführt, 2012 und 2011 ausgezeichnet mit einem Literaturpreis der „Buchmesse
im Ried“ in Stockstadt am Rhein, 2. Vorsitzende des Literarischen Zentrums
Rhein-Neckar e.V. „Die Räuber ´77“ und Mitglied der Autorinnengruppe
„Mörderische Schwestern“, weitere Informationen: www.petrascheuermann.de
Na dann, Prost!, in: Geschlossene Gesellschaft?, Getaway e.V. (Hg.),
München, Juli 2011. ISBN: 978-3-00-035200-3
Inhalt
Anna steht am Grab von
Benno, der an einer Überdosis Heroin starb, und erinnert sich. Die Geschichte
handelt von Drogen, Liebe und Freundschaft, thematisiert wird aber auch die
Doppelmoral unserer Gesellschaft, in der viele – auch Eltern – selbst gerne und
reichlich Alkohol konsumieren, den Benutzern illegaler Drogen aber sehr
ablehnend gegenüber stehen.
Donnerstag, 5. Juli 2012
Grenzgänger Peter Metz: Hey Ba Ba Re Bob
Peter Metz überschreitet Grenzen - geographische, berufliche, künstlerische... Am 14.07.12 wird er sein Schweizer Exil verlassen, um auf der KultTour Mannheim seinen neuen Text "Hey Ba Ba Re Bob" zu präsentieren.
Hier zwei seiner älteren Werke (der zweite Text ist gekürzt):
Novemberbriefe
Der Mann trägt Briefe zur Post. Es ist November. Durchs
Einkaufszentrum weht ein kalter, peitschender Wind. Mit klammen, schmerzenden
Fingern hält der Mann die Briefe krampfhaft fest. Er stemmt sich verzweifelt
gegen den schneidenden Wind. Es sind Briefe für Gefangene. An den grauen
Betonquadern des Einkaufszentrums vorbei erreicht er das Postgebäude mit den
vergitterten Fenstern. Er zieht seine Nummer. Die Finger klammern sich um die
Umschläge. Darin sind Briefe gegen die Generäle, Briefe für die Gefangenen.
Seine Nummer erscheint rot leuchtend auf dem Display. Er begibt sich zu
Schalter C.
„Dreimal A – Post nach Übersee“, sagt er.
Die Frau hinterm Schalter unterbricht kurz ihr routiniertes
Stempeln und schaut auf die Adresse: „Dort ist es jetzt schön warm“, sagt sie.
Die Wunderblume
In die stille Strasse in Käfertal – Süd mit ihren Einfamilienhäuschen und Vorgärten bog ein alter, reichlich ramponierter, orangefarbener FIAT Mirafiori ein. Zwischen parkenden Autos war gerade genug Platz für die schwere Limousine, aus deren halb geöffneten Fenstern laute, Reverb – überfrachtete Rockabilly – Gitarren dröhnten.
Plötzlich schlug etwas von unten dumpf – metallen an den
Fahrzeugboden. Der Fahrer des Wagens, ein langhaariger junger Mann, bremste, so
schnell ihm das in seinem intoxikierten Zustand möglich war. Seine Begleiterin
schaute ihn an, er schaute seine Begleiterin an, sie beide schauten durch das
Heckfenster auf die stille Strasse. Im schwachen Schein der Strassenlaternen
war ein schwarzer Gegenstand zu erkennen – ob ein lebloses Ding oder ein totes
Tier, war nicht auszumachen.
Die beiden stiegen aus. Während sie sich ehrfürchtig dem
rätselhaften Gegenstand näherten, tauschten sie immer wieder fragende Blicke
aus. Als der junge Mann nahe genug heran gekommen war, erkannte er, dass es
sich um einen schwarzen, metallenen Gegenstand handelte. Niederkniend hielt der
junge Mann seine Hand über das schwarze Ding. Es war noch warm. Er entzündete mit
angehaltenem Atem ein Feuerzeug, um den Gegenstand näher zu betrachten. Eine
Aufschrift in italienischer Sprache war erkennbar: „Magneti Marelli Torino“.
Es war kein Zweifel möglich: es gehörte zu seinem Auto. Er hob
den Gegenstand behutsam an. Ja, er war noch warm, er war aus Italien, er war
aus Metall und er war schwer. Er ging zurück zu seinem Auto, öffnete die
Kühlerhaube und tatsächlich: da fehlte offensichtlich ein Teil. Erstaunt
stammelte der junge Mann: „Das muss meine Lichtmaschine sein“.
(...)
Peter Metz wurde am 15. September 1962 in Mannheim geboren und lebt seit 1998 in der Schweiz. Von 1984 – 1992 Studium der Politik und Geschichte an der Universität Mannheim, von 1995 - 1997 Ausbildung zum Oberstufenlehrer für Deutsch und Geschichte an der Freien Hochschule für Anthroposophische Pädagogik in Mannheim. Arbeit als Journalist, Fliessbandarbeiter, Bierkutscher, Bürobote und seit 1998 als Lehrer für Deutsch, Geschichte und Theater an verschiedenen Rudolf Steiner Schulen in der Schweiz. Lesungen, Vorträge zu künstlerischen, historischen und pädagogischen Themen. Peter Metz ist verheiratet und hat einen Sohn.
Auszeichnungen:
2004: Mannheimer Literaturpreis für „ Astmanns
Vision“, der gleiche Text erschien 2007 in „30 Jahre Die Räuber 77“, hrsg. Von
Roswitha Spodeck – Walter, Klaus Walter, Adolf Kutschker, Verlag Vorwerk 8,
Berlin, 2007. ISBN 978-3-930916-99-3
Mittwoch, 4. Juli 2012
Grenzgänger Wilhelm Dreischulte: Fremdes Brot
Wilhelm Dreischulte überschreitet Grenzen der Zeit. Bei der Lesung im Mannheimer theater oliv (14.07.12., ab 19:00 Uhr) wird er aus dem Leben einer 93jährigen Frau berichten und somit längst vergangene Epochen wieder lebendig machen.
Hier zwei kurze Ausschnitte:
Erdbeben
Als die
Frau sechs Jahre alt war, rüttelte und schüttelte es. Bilder flogen von der
Wand, sogar dasjenige mit den beiden Engeln, Fensterscheiben zerschellten und
Isidor und die Mutter der Frau, sie hieß Ernestine, trieben die Frau und ihre
Schwester nach draußen auf den Innenhof. Es war fantastisch. Alle Nachbarn kamen
zusammen und waren still, die Erde bebte nicht mehr, und schon fingen sie wieder
an zu reden. Erst langsam, dann immer lauter und schneller.
Faszinierend war
das für die Frau genauso, als sie später abends auf den benachbarten Berg lief
und dem Ersten Weltkrieg zuschaute. Sie sah es in der Ferne immer wieder
aufleuchten. Das waren die Bomben und Granaten von den Deutschen und den
Franzosen. Hören konnte sie
nichts.
Alltägliches früher
Einmal im
Monat kam der Seifenmann. Er klingelte die Leute aus dem Haus und verkaufte
Seifenpulver und Seife. Irgendeine Überraschung war immer dabei, einmal ein
Goldarmbändchen, versteckt im Seifenpulver. Die Frau durfte es zunächst tragen.
Doch sobald Isidor sie damit sah, nahm er es ihr wortlos ab.
Wie der Seifenmann, so kam auch der Milchmann. Der Milchmann kam allerdings täglich und klingeln brauchte er auch nicht. Denn die Milchtöpfe standen bereits auf den Treppenstufen vor dem Haus. Samstags lag Geld für ihn unter dem Topf. Wenn die Mutter der Frau mal mehr Milch als gewöhnlich wollte, heftete sie einen Zettel an den Topf.
Für die tägliche Milch war also gesorgt. Die Frau verabscheute Milch. Jeden Morgen musste sie ein Glas trinken, da sie als blutarm galt. Eisern wachte ihre Schwester darüber. Trank sie ihre Milch nicht, schwärzte die Schwester sie bei Isidor an und Isidor schlug sie.
Wie der Seifenmann, so kam auch der Milchmann. Der Milchmann kam allerdings täglich und klingeln brauchte er auch nicht. Denn die Milchtöpfe standen bereits auf den Treppenstufen vor dem Haus. Samstags lag Geld für ihn unter dem Topf. Wenn die Mutter der Frau mal mehr Milch als gewöhnlich wollte, heftete sie einen Zettel an den Topf.
Für die tägliche Milch war also gesorgt. Die Frau verabscheute Milch. Jeden Morgen musste sie ein Glas trinken, da sie als blutarm galt. Eisern wachte ihre Schwester darüber. Trank sie ihre Milch nicht, schwärzte die Schwester sie bei Isidor an und Isidor schlug sie.
Wilhelm Dreischulte: Fremdes Brot
Erinnerungen einer 93jährigen Frau
2009; ISBN 978-3-931382-44-5 / 138
S. / 12,80 EUR
Seidler Verlag
N. ist der 93-jährigen Frau als Pfleger zugeteilt.
»Sie können mich alles fragen«, sagt sie zu ihm. In vielen kurzen Episoden wird
der Leser mitten hinein versetzt in eine Lebenswelt der Erinnerung, die sich
mosaikartig aus der Vergangenheit erschließt und durch ihre scheinbare
Unvollständigkeit Raum lässt für die eigene Fantasie, das Gelesene
fortzudenken.
Biographische Notiz
Wilhelm Dreischulte wurde 1965 in Haselünne/
Emsland geboren. Nach dem Abitur folgten Zivildienst, Jobben und Reisen. Lange
Jahre lebte er in Freiburg und widmete sich neben dem PH-Studium der Malerei und
dem Schreiben. Seit 2001 ist er als Lehrer in Heidelberg, Landau und in Höchst
i. Odw. tätig.
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