Samstag, 24. Januar 2015

Du wääscht jo! in Ludwigshafen


Liebe Literaturfreunde,

spüren Sie das auch? Diese Sehnsucht nach dem Frühling, nach Leichtigkeit und Lebensfreude, nach Sonnenschein und Wärme. Aber noch taucht der Himmel unsere Stimmung in trostloses Grau. Da nützen auch die bunten Primeln und die kleinen Narzissen aus dem Treibhaus nichts, die überall auf den Fensterbänken blühen. Ich glaube, das Einzige, was uns jetzt noch aufheitern könnte...
... wär e bissel Gebabbel uff Pälzisch. A jo! Uff Pälzisch! Du wääscht jo!
Hänner s gemerkt? „Du wääscht jo“, des is en Spruch, der basst äfach immer. Deswege hääßt aa moi neies Mundartbuch so. Des kennen Ihr noch gar net? Do werd s awwer Zeit.
Wanner Luscht hänn, dann treffe mer uns am Sonntag, dem 01. Februar 2015, um 17:00 Uhr im Karl-Otto-Braun Museum im Oppauer Rathaus, Edigheimer Str. 26 in 67069 Ludwigshafen.
Ich bring moi neies Buch mit un les eich was vor un in de Paus trinke mer zamme e Gläsel Sekt. Also wann des net kloor werd, dann wääß ich aa net.

Alla hopp! Wer mitlache will, der kummt!

Liebe Grüße
Edith Brünnler
 

Dienstag, 20. Januar 2015

Neuerscheinung: Du wääscht jo von Edith Brünnler


„Du wääscht jo!“ Das kann bedrohlich klingen, verschwörerisch oder resigniert. Es ist der Joker unter den Pfälzer Redewendungen – immer und überall einsetzbar.
„Du wääscht jo!“ Da wird keine Antwort erwartet, allenfalls ein verhaltenes Nicken. Auch wenn ein Pfälzer selbst nicht mehr weiß, was er eigentlich sagen wollte, rettet ihn ein bedeutungsvolles, mit hochgezogenen Augenbrauen hervorgebrachtes „Du wääscht jo!“ in jedem Fall vor weiteren Rückfragen.
Denn wer will schon zugeben, dass er gar nicht weiß, worum es geht?

Außerdem wissen wir Pfälzer das meistens ganz genau. Das beweisen auch die Geschichten in diesem Buch. Sie erzählen von unseren Überzeugungen und den Irrtümern der anderen. In dem Spiegel, den sie uns vorhalten, sehen wir ganz deutlich unser ureigenes Pfälzer Lebensgefühl.
Un des is viel mehr als wie Weck, Worscht un Woi – un iwwerhaupt!
„Du wääscht jo!“

Unter diesem Link finden Sie eine Leseprobe.
Und hier geht ´s zur Homepage der Autorin.

Titel: Du wääscht jo
Autorin: Edith Brünnler
ISBN: 9783943054507
Einband: Hardcover gebunden
Seiten/Umfang: 90 Seiten
Format: 14 x 20 cm
Erschienen : 1. Auflage 08.12.2014
Preisinformation:12,80EUR

Sonntag, 11. Januar 2015

Tigerküsse in Mannheim


Am Dienstag, 20. Januar 15 präsentiert Hanna Leybrand ihr Werk "Tigerküsse" im Rahmen einer Lesung mit den Räubern 77 im Schillerhaus in Mannheim,
B 5, 7. Beginn ist um 19 Uhr.
Außerdem lesen Petra Scheuermann, Rita Hausen, Manfred Klenk und Christine Cepok.

Hanna Leybrand: Tigerküsse
Zwei kleine Romane
Gebunden, 250 Seiten
ISBN 978-3-944512-03-7
Euro 19,80
Zwei kleine Romane, die Ekstase, Lust, Glanz, aber auch Komik, Zerrissenheit, Schmerz und Abgründe der erotischen Attraktion entfalten: kühn, offen und erzählerisch raffiniert angelegt, durchaus mit interkulturellem Flair. Denn es sind immer wieder auch die Geheimnisse des altchinesischen Tao, die ihre Aura verbreiten. Es geht um Sehnsucht, um helle und dunkle Momente, aufregende und enttäuschende Erfahrungen von Frauen, die sich ohne feministische Verbiesterung ganz selbstverständlich auf ihre Glücksbedürfnisse besinnen und doch fatalerweise in das abenteuerliche Seelen- und Lebenschaos ebenso abstoßender wie anziehender Männergestalten hineingezogen werden.

Hier finden Sie eine Leseprobe.

Donnerstag, 1. Januar 2015

Sternenzeit - Kurzgeschichte von Rolf Unterfenger und Lothar Seidler


Hans fror. Er hatte sich außerhalb des Bahnhofs platziert, da innen das Rauchen verboten war, mit Blick zum Haupteingang. Hinter sich hörte er an der Haltestelle Straßenbahnen abbremsen und wieder anfahren. Normalerweise machten ihm Aufträge dieser Art nichts aus, aber heute waren es mal wieder unbezahlte Überstunden, noch dazu am Feiertag. Der Tag begann, in die Dämmerung überzugehen.

Zugegeben, es gibt keinen Grund sich am 6-ten Januar auf dem Heidelberger Hauptbahnhof herumzutreiben. Begreiflich allerdings, dass man – hier also ich – keine Lust auf Feiertags-Innenstadt-Spaziergänger hat und somit seinen eigenen Bewegungsdrang an solch einem, als universell zu betrachtenden Ort ausleben will, wie eben Bahnhöfe, Botanische Gärten, Uni-Gelände oder ähnliche es sind.
Also jetzt Bahnhof; gleich rechts erst mal eine Brezel kaufen und dabei aufwärmen von den Minusgraden draußen. Die Brezel wird sukzessive in Stücke zerlegt und bedächtig gekaut im Rhythmus der Schlenderbeine. Die Augen sind auf »nichts zu suchen« eingestellt; aber gerade dann wird üblicherweise etwas gefunden.
Hier und heute nun in der Auslage der Zeitschriftenhandlung »Schmitt« die Ausgabe 1-2003 des Magazins »Sterne und Weltraum« mit dem Aufmacher »Einhorn – ein Juwel am Winterhimmel«. Zugegeben, ich bin weder Physiker noch Hobbyastronom, aber durchaus von universeller Neugierde getrieben. So kommt es immer wieder vor, dass ich allerhand Themenmagazine erwerbe, so etwa von A wie »Astrologie« bis Y wie »Yoga«.

Hans sah auf die Uhr und zündete eine Zigarette an. Das Plakat, das er vor sich hielt, war auf einem Pappkarton festgeklebt. Bis jetzt hatte ihn noch niemand angesprochen, nicht einmal die Leute vom Sicherheitsdienst hatten sich blicken lassen. Menschen eilten an ihm vorbei, umströmten ihn von hinten und von vorn, Erstere mehr rechts vorbei, die anderen mehr links. Gelegentlich gab es auch Irrläufer gegen den Strom, die dann im Zick-Zack-Kurs ihren Weg suchten und vermeintlich viel schneller vorwärts kamen. Hans stellte ein wirksames Hindernis dar, sodass er wenigstens sicher sein konnte, nicht übersehen zu werden.

Weiter geht es mit dem Heft in der Jackentasche »Zu den Zügen«. Zumindest streune ich ein wenig in der Gleisüberführungshalle herum, während unter mir, auf Gleis 5, der Intercity 2296 von Salzburg über München, Augsburg, Ulm, Stuttgart nach Frankfurt einfährt; 16:45 Uhr.
Derweil ich mir die Ankommenden aus dem tiefen Südosten so betrachte, fallen mir drei Gestalten besonders auf, wie sie langsam und unsicher die Treppe emporklettern. Auffällig ist erstens, dass sie entgegen der Mehrzahl ortskundiger Reisender bei der Treppe nicht den nördlichen Aufgang, sondern den gegenüberliegenden benutzen, der jedoch gebäudetechnisch in eine Sackgasse führt. Zum Zweiten ihre etwas fremdländisch exotische Erscheinung. Die Kleidung erinnert an Kaftane und ähnliche folkloristische Moden; die Gesichtsformen und -farben lassen an Nordafrika, Arabien und Persien denken. Wer lange genug mit offenen Augen durch Heidelberg geht, entwickelt für solch ethnische Feinheiten durchaus ein gewisses Gespür, wenn der einzelne Fall vielleicht auch nicht immer genau begründbar sein mag.
Über diesen Gedanken haben die drei Herren den rechten Weg zur Bahnhofshalle gefunden, und ich hinterher in gemessenem Abstand. Dabei fällt mir eine weitere Besonderheit an den Reisenden auf: Neben den üblichen Reiseutensilien wie Koffer, Rucksack, Fototasche tragen sie noch besondere Behältnisse mit sich. Der Eine trägt eine unförmige Holzkiste mit Henkel, der Zweite einen in die Länge gezogenen Metallkoffer und der Dritte eine fast einen Meter lange, zylindrische Tragetasche. »Für eine abgesägte Oboe könnte sie reichen« fällt mir ein, aber diese Musikinstrumententhese gebe ich gleich wieder auf, denn solche Futterale sieht man öfter und sie sind doch etwas vertrauter als diese Gefäße.

Hans dachte an Lena und ihre Kleine, die er nun endlich einmal sehen wollte. Sobald er seinen Auftrag erledigt hatte, würde er sie besuchen und sich mithilfe von Lenas Kräutertee aufwärmen und entspannen. Sie servierte den Tee, der Kardamom und andere besondere Gewürze enthielt, immer in den Tassen mit Goldrand und brannte dazu ein Räucherstäbchen an. Eigentlich hatte er den Besuch schon viel früher am Nachmittag machen wollen, damit die Kleine wach war, wenn er kam, aber sein Kollege Mark hatte sich krank gemeldet. So war der Chef darauf gekommen, Hans am Feiertag zu Hause anzurufen. Es gab zwar noch einige andere Leute am Institut, aber die waren wohl alle nicht verfügbar. Und Hans hatte mit der Veranstaltung eigentlich gar nichts zu tun. Sie haben aber doch Zeit, Sie sind Junggeselle, hatte der Chef gemeint. Hans dachte an das Observatorium auf dem Cerro Paranal. So ein Forschungsaufenthalt in Chile wäre schon hilfreich für seine wissenschaftliche Laufbahn. Und deshalb stand er jetzt hier, damit der Chef einen guten Eindruck von ihm bekam? Wenn Hans nach einem Jahr zurückkehren würde, wäre Lenas Kleine schon ein schönes Stück gewachsen.

Mittlerweile ist die kleine Gruppe in der Bahnhofshalle angelangt und steht vor den Auslagen der Geschenkeboutike. Und siehe da, auch den zwei Herren von der Bahnsicherheit sind die Drei, insbesondere deren Koffer, aufgefallen; sie deuten, sehen sich an und treten dann zielbewusst an die Gruppe heran, die sich mittlerweile zu dem Großweihnachtsbaum in der Halle weiterbewegt hat. Dort setzen sie ihre Lasten ab und kramen diverse Papiere, wohl auch eine Karte hervor, als sie von den Sicherheitsexperten angesprochen werden. Verstehen kann ich zwar nichts, denn ich stehe etwas zu weit weg; aus den Gesten ist jedoch herauszulesen, dass der Einblick in die vorgezeigten Papiere die Besorgnisse der BSG-Herren zerstreuen. Außerdem scheinen diese nun zu einer fremdenführerischen Beratung überzugehen. Die endet damit, dass sie die kleine Fremdengruppe zum nächstliegenden Seitenausgang hinausbedeuten.

Hans hatte fertig geraucht und trat die Kippe auf dem Boden aus. Er überlegte, ob er eine Runde durch den Bahnhof drehen sollte, andererseits hatte sein Chef mehrmals wiederholt, dass es am allerbesten sei, wenn er sich am Haupteingang aufstellte. Also blieb Hans dort stehen, obwohl er weiterhin fror.

Während der gesamten Szenerie brennt die Neugierde unter meiner Hirnschale wie tausend Feuer. Also links um den Tannenbaum herum den dreien nach. Sich immer wieder umblickend stehen bleibend gehen sie Richtung stadteinwärts, bis sie völlig überraschend an einer Bushaltestelle den Aushang studieren. Kaum dass ich die Szene recht erfasst habe, kommen sie mir auch schon entgegen, lamentierend, mich fast über den Haufen rennend. Ich nehme also auch den Busfahrplan in Augenschein und erfahre: Linie 21 zum Königstuhl über Römerstraße, Drei Eichen, Sternwarte; fährt aber nur einmal am Tag, frühmorgens. Deswegen waren die drei so genervt! Wie war das, »Sternwarte«? Dort war ich zwar noch nicht, aber aus meinen umfänglichen, mehrjährigen Heidelberger Stadtplan-Recherchen weiß ich, dass es dort auch ein Max Planck Institut für Astronomie gibt – interessant fürwahr. Womit die ominösen Koffer eine völlig neue Deutung erhalten hätten. Apropos »Koffer« – wo sind denn meine drei Spezialisten abgeblieben? Schnell hinterher, zurück zum Bahnhof. Doch als ich wieder die vierspurige Stadtstraße überquere, sehe ich sie gerade noch in ein Taxi steigen und dahinfahren.
Wieder in den Bahnhof, diesmal durch einen Osteingang und aus lauter Langeweile in das Reisezentrum, die Streckenfahrpläne inspizieren, auch einen, zwei davon einstecken, denn seit der Fahrplanumstellung vor drei Wochen haben die Herren Oberbahner lieb gewordene Verbindungen auf das Übelste verbogen oder gar gekappt.

Hans blickte ein weiteres Mal auf die Uhr und stellte fest, dass der Zug eigentlich schon längst angekommen sein musste. Er zündete eine weitere Zigarette an. Wenn er die aufgeraucht hatte, sollte es genug sein mit dem Warten. Er würde noch schnell bei der Auskunft nachfragen und bei pünktlicher Ankunft des Zuges beschließen, dass die drei Ehrengäste diesen wohl verpasst hatten. Aber Lenas Tochter würde dann schon schlafen. Ein Mann mit irgendwie interessiertem Gesichtsausdruck näherte sich der Stelle, wo Hans stand. Aber der kam keinesfalls in Frage. Er warf auch nur einen kurzen Blick auf das Schild und war schon an Hans vorbei.

Nun raus aus dem Reisezentrum und links herum zum »Ausgang Nord«, wo die Straßenbahnen abfahren. Stopp – was sehe ich da? Ein Mensch meines Alters steht da, ein Plakat in der Hand, wohl um ankommende Reisende suchend herauszufiltern. »MPI für Astronomie« steht da zu lesen, auch »Int. Symposion: Sternen-Konjunktionen besser vorhersagen und beobachten.«
Ich bin böse, ich sage nichts und schlendere Richtung warmer Wohnung.






Veröffentlicht in: "FlussAuf FlussAb – Literarisches Treibgut", herausgegeben von der Literatur-Offensive 2014,
ISBN 978-3-931382-55-1
Mehr unter seidler-verlag.de

Sonntag, 23. November 2014

Das Chippendale - Kurzgeschichte von Heide-Marie Lauterer



Auf dem Balkon tanzt das Mädchen. Der Opa sieht es, braucht nicht mal seine Brille. Das Madl tanzt schön, es schaut zu ihm her. Der Opa winkt. Der Balkon ist klein, aber sie tanzt. Da kommt der Bruder und zieht das Mädchen in die Wohnung. Das Mädchen hat aufgehört zu tanzen. Immer kommt der Bruder und sperrt sie weg. Das nächste Mal, denkt der Opa, winke ich nicht. Er setzt seine Brille auf. Das Bein steht in der Ecke. Es hat einen alten Schuh am Fuß, eine gepolsterte Wade und einen harten Oberschenkel. Soll es in der Ecke stehen, denkt der Opa. In dem anderen Schuh steckt sein Fuß. Hat auch Vorteile, denkt der Opa, mit ein Paar Schuhen werde ich auskommen für den Rest. Er rollt zu seinem Schrank. Auf dem Boden steht eine Schuhschachtel. Er streckt den Arm aus danach und hebt den Deckel an. Ein Paar schöne neue, schwarze Schnürschuhe mit Ledersohlen, für jeden Fuß einen. Gut so. Sie sollen den Schuh ausziehen und den schönen Schnürschuh dranstecken und sie sollen das Bein zu ihm in den Sarg legen. Wird schon klappen. Anschnallen muss nicht sein, einfach nur dazulegen reicht. Als er die Schuhe gekauft hat, stand das Bein noch nicht in der Ecke. Das Mädchen auf dem Balkon gegenüber winkt. Das Madl tanzt nicht mehr. Es winkt, winkt ihn zu sich. Er kann nicht. Das Bein steht doch in der Ecke. Ohne Bein kann er nicht.
Sonntags haben sie immer das gute Geschirr genommen. Das mit dem Goldrand und den verschnörkelten Kaffeetassen. Nur sonntags, es sieht noch aus wie neu, aber eine Tasse ist zerbrochen. Die ist ihr aus der Hand gefallen. Das gute Geschirr stand im Chippendale. „Schippendäle“ hat sie gesagt. Es war was Besonderes. Ein Erbstück, und ein Erbteil für den Jungen. „Das Schippendäle ist ein Vermögen wert“, das hat sie immer gesagt. Es ging nicht durch die Tür, so groß war es, zwei Meter lang, schön geschwungen mit dunkelbraunem Lack. Da hätte bequem ein Mann darauf schlafen können. Sie mussten es zerlegen und durch das Fenster hereinschaffen. Sie haben das Chippendale zur Hochzeit bekommen. Und immer poliert und in Ehren gehalten. Und nur das gute Geschirr hinein, das andere für alle Tage in den Küchenschrank. Das Chippendale war nicht von schlechten Eltern, da wusste man sofort, wen man vor sich hatte. Und teuer dazumalen. So ein Möbel lässt man nicht zurück. Sie haben es vor den Bomben gerettet und haben es aufs Land gebracht, die junge Frau mit dem Kind im Bauch war auch dabei. Haben es wieder zerlegt und aufgebaut in dem leeren Zimmer mit dem Misthaufen davor. Das hat sie ihm geschrieben:
„Lieber Schatz. Dein Madl.“
Er war im Krieg und hatte andere Sorgen. Flakabwehr zum Beispiel. Und schön schneidig aussehen beim Ausgang, wenn sie kam am Sonntag. Und tanzen. Das konnte sie. Zuletzt kam er an die Front. Weit weg, zu weit und direkt vorm Russen. Da hat sie ihm geschrieben. Und er hat zurückgeschrieben:
„Liebes Madl, wart’ auf mich, wart’.“
Das Chippendale war gerettet. Dann war der Krieg aus und sie hat gewartet. Dann kam der Ami, legte sich aufs Chippendale und drückte seine Zigaretten darauf aus. Das Chippendale hat sehr gelitten – hätt’ alles noch schlimmer kommen können, da draußen auf dem Land!
In der Stadt stand kein Stein mehr auf dem anderen und es hat nach Brand gerochen. Vom Haus war nicht viel übrig, aber es hat gereicht für die Mutter und das Kind und fürs Chippendale. Es gab sogar einen, der die Zigarettenlöcher weggemacht hat. Sah wieder aus wie neu. Und jetzt wussten alle wieder, wen sie vor sich hatten. Da dauerte es nicht mehr lange, bis er wiederkam. Den ganzen Weg ist er gelaufen, bis auf das Stück, das er mit dem Schiff gefahren ist, das wär’ beinah schiefgegangen – der verdammte Engländer –, dann per Anhalter und dazwischen immer zu Fuß. Hat Wochen gedauert. Den Sohn hat er sehen wollen, deshalb ist er gelaufen. Er hat gewusst, dass es ein Sohn ist, instinktiv.
Das Chippendale stand an der Wand, die Frau daneben. Und er hat nur Augen für den Sohn.
Später, viel später. Blitzschnell ist es gegangen, er hörte, wie die gute Kaffeetasse auf dem Steinboden zersplitterte, er drehte sich um und sah, wie sie zu Boden fiel. Blut brach aus ihrem Mund hervor und es bildete sich eine Lache auf den Fliesen.
Die Erinnerung klebt wie Schleim an seinen Fingern, sie lässt sich ziehen, es bilden sich kleine Löcher, aber sie zerreißt nicht. Er kann sie nicht abstreifen, nicht zu einer Kugel drehen, einwickeln und wegwerfen, sie ist so klebrig und zäh, dass sie an allem haftet. Er wird sie nicht los. Nimmermehr wird er sie los.
Jetzt bleibt die Zeit stehen. Er wartet. Tagelang wartet er. Er kann nicht mehr. Dann merkt er, dass der Zustand nicht unerträglich ist, weil er immer noch wartet und ihn erträgt. Keine Zeitung. Keine Nachrichten. Soll der Sohn die Rechnungen bezahlen, soll der Sohn mit den Leuten reden.
Neue Russen kommen, zerlegen das Chippendale. Sie sind so vorsichtig wie Chirurgen, so zart wie Liebhaber. Sie ziehen die Schubladen heraus und schrauben die Türen ab, die Rückwand und die Seitenwände entfernen sie und tragen auf ihren Händen alle Stücke einzeln die Treppe hinunter. Die haben Achtung vor dem Chippendale. Die Russen packen alles ein – Weingläser, Biergläser, Schnapsgläser, Wassergläser, Suppenteller, Essteller und die guten Kaffeetassen, die mit dem Goldrand für sonntags. Nichts ist zerbrochen, aber eine hat gefehlt.
Als sie das Silber sehen, gehen ihnen die Augen über. Sie packen alles in Plastiktüten und in gelbe Müllsäcke, immer zwei übereinander. Der Russe mit den roten Haaren und den Sommersprossen hat Kraft. Wie geschaffen zum Möbelpacken. Dort war er Tierarzt. Der andere ist der Chef, er heißt Heine – Cheine sagt er – hat lange schmale Hände, trägt einen Anzug, keine Möbel. Er deutet auf die Gebirgslandschaft. – Dolomiti? Ja: Dolomiti! – mit Bergsee und Tannen in Öl, graugrünbraun, farblich abgestimmt auf das Sofa. Alles im schweren Goldrahmen. Können wir nicht brauchen, das Sofa. Geben sie mir ein Schlafsofa! Und die Berge! Die Dolomiti! Diese Kunst! Das gefällt! Auch die Sonnenblumen, auch die Segelschiffe vor Venedig. Wieviel? Alles packen sie ein, die Russen.
Im Chippendale lagen doch die Briefe! Seine Briefe. Sie hat gesagt: Die gehen niemanden was an. Nicht den Sohn und noch weniger die Schwiegertochter. Nur mich, nur dich. Später hat er ja nicht mehr geschrieben. Warum auch – keinen Tag waren sie mehr voneinander getrennt. Ohne offene Feuerstelle ist es schwer, etwas zu entflammen, hat er gedacht.
Er muss den Sohn fragen. Er fragt den Sohn:
„Was habt ihr mit dem Chippendale gemacht?“
Der Sohn antwortet:
„Wir haben es dem Russen gegeben, Vater“.
 „So“, sagt er. „So“.
Da fängt das Mädchen wieder zu tanzen an. Es regnet draußen und der Opa sieht Schlieren vor den Augen, aber das Mädchen tanzt, so schön wie es noch nie getanzt hat. Es tanzt für ihn, nur für ihn, aber er winkt nicht. Er rollt zu seinem Schrank, macht die Tür auf und reckt sich. Er greift zwischen die Wäsche. Er sucht etwas, tastet, hebt ein Stück nach dem anderen auf. Nichts. Er kann sich doch genau erinnern. Er hat sie absichtlich nicht ins Chippendale gelegt, damals – da lagen doch die Briefe. Das weiß er genau – und das Chippendale hat jetzt der Russe. Sie lag im Wäscheschrank zwischen den Handtüchern. Klein und handlich. Eine Astra, eine kleine spanische Astra, noch in der Original Pappschachtel, die Munition vorschriftsmäßig davon getrennt. Vielleicht war er doch schuld an allem. Er will sich nicht erinnern. Woher kam das Blut auf den Fliesen? Er hat es nicht weggewischt. Er würde jetzt nicht mehr winken.
Vater, was soll ich mit der Pistole machen. Beim Umzug hat der Sohn sie gefunden im Wäscheschrank. In der Originalschachtel. Ungeöffnet, ungebraucht. Gut so. Er kann jetzt das Blut wegwischen. Die Fliesen werden auf einmal wieder weiß und schwarz, weiß und schwarz, ohne Flecken. Eine Weste trägt er schon lange nicht mehr.
Sie sind alle hinter ihm her. Der Opa öffnet seine Tür – er muss schließlich auch mal was anderes sehen – sofort stürzen sie sich auf ihn. Sie haben sich zurechtgemacht, Hauptsache Haare schön, sogar Lippenstift, sie winken, sie werfen ihm Handküsschen zu, sie rufen ihn zu sich her. Weiber, alte Weiber, was wollen die von ihm, wollen ihn aushorchen, wollen wissen, ob er schuld war. Dummes Zeug, er war nicht schuld, sollen ihn in Ruhe lassen. Er tut so, als ob er sie nicht sieht. Rollt an ihnen vorbei, zum Fahrstuhl. Hinauf, nur hinauf. Ins Café. Von dort oben kann er alles sehen. Er beobachtet sie. Wie eine nach der anderen einfährt, wie sie hält und wartet; wie sie sich langsam wieder in Bewegung setzt, wie gleich darauf die nächste kommt. Schöne rote Loks, große, schlanke, silbrigglänzende Körper, stumpfe Nasen, windschnittig. Der Opa setzt seine Brille auf. Nur jetzt keine Störung. Er will nichts verpassen. Gerade kommt wieder eine. Und was für eine. Er sitzt mit dem Rücken zum Tisch und schaut hinunter. Merkt nicht, wie sie sich zu ihm setzt, freundlich guten Tag wünscht. Der Opa hört schlecht und er gibt nichts auf Geschwätz, gibt nichts auf Weibergeschwätz. Sollen ihn in Ruhe lassen. Draußen wird es langsam dunkel, er dreht seinen Rollstuhl um und rollt zurück zum Aufzug. Er will nicht sehen, wie sie ihm nachwinkt. Er will nicht.
Am nächsten Tag beim Mittagessen sitzt er wieder mit ihr zusammen. Sie saß immer schon da. Er hat sie nur nicht wahrgenommen. Jetzt erkennt er sie. Die von gestern also, denkt er. „Merci“, ein Stück Schokolade, er nimmt es, dreht es um und liest: „Ich bin heute Nachmittag wieder im Café und warte auf Sie.“ Als er aufblickt, ist sie verschwunden. An diesem Nachmittag fährt er nicht nach oben. Natürlich nicht. Aber am nächsten. Sie sitzt allein an seinem Tisch mit dem Ausblick über den Stadtbahnhof. Er rollt zu ihr, und sie wird ein klein bisschen rot. Sie drehen beide ihre Stühle um und schauen schweigend zu, wie die Züge einfahren, wie sie halten und wieder abfahren. Als die Dämmerung hereinbricht, gibt er ihr die Hand und sagt:
„Merci“. Und er sagt auch: „Auf Wiedersehen.“
Jeden Nachmittag beobachten sie die Züge und erzählen sich kleine Geschichten. Manchmal haben sie nichts zu sagen und erlauben sich, einfach nur dazusein. Keiner stört sie dabei. Eines Abends sagt sie, dass sie gerne mit ihm tanzen möchte. Und sie wird wieder ein bisschen rot dabei.
Tanzen? Mit ihm?
„Man kann auf viele Arten tanzen – also?“
Er schaut auf seinen Fuß, den eigenen, den mit dem alten Schuh. Da fällt ihm das schöne neue Paar Schuhe ein, das schwarze, elegante, die Schnürschuhe mit den Ledersohlen in der Schachtel unten im Schrank.
Wie gut, denkt er, dass er zwei davon hat!
Er schmunzelt. – Also gut – warum nicht noch mal tanzen.


Entnommen aus:


Heide-Marie Lauterer, Irre Geschichten. Mattes Verlag.
E 9,00; ISBN 978-3-930978-19-9

Mehr von der Autorin:
www.heide-marie-lauterer.de

Samstag, 22. November 2014

Vorweihnachtszauber in Schwetzingen

Liebe Literaturfreunde,

schauen Sie einmal aus dem Fenster. Da stapfen missmutig dreinblickende Menschen durch nasses Laub, Nebel klebt an den Hausdächern und die wenigen Sonnenstrahlen werden über kurz oder lang von grauen Herbstwolken verschluckt. Wie soll man denn da in Weihnachtsstimmung kommen?

Ich will es Ihnen verraten. Das geht nur mit einem Zauber – am besten mit dem „Vorweihnachtszauber“ im Kosmetik-Institut Kalinowicz, Marktplatz 1 in
68723 Schwetzingen-Hirschacker.

Am Mittwoch, dem 26. November, können Sie sich ab 16:30 Uhr von allem bezaubern lassen, was Sie zum Fest noch schöner machen wird – an diesem Tag sogar mit himmlischer Ermäßigung. Außerdem finden Sie dort kleine weihnachtliche Accessoires, reizvolle Manufakturwaren und alles, was man braucht, um ein wunderschönes Fenster zu gestalten. Es gibt Glühwein, Sekt und so manche vorweihnachtliche Leckerei.
Das ist Ihnen nicht genug? Sie wollen auch noch etwas hören? Das dachte ich mir schon.
Deshalb lese ich ab 18:00 Uhr einige zauberhafte, vorweihnachtliche Geschichten für Sie.

Nun sagen Sie nicht, Sie hätten keine Zeit. Der Besuch dort ersetzt Ihnen mindestens einen Abend auf dem Weihnachtmarkt und Ihre restlichen Weihnachtsgeschenke können Sie auch gleich besorgen.

Dann bis Mittwoch und glauben Sie mir, das ist bestimmt kein fauler Zauber!

Liebe Grüße
Edith Brünnler

Donnerstag, 20. November 2014

Tigerküsse in Heidelberg


Tigerküsse präsentiert Hanna Leybrand bei ihrer Lesung aus dem neuen gleichnamigen Buch am Mittwoch, 26.11. ab 19.30 Uhr im Hilde-Domin-Saal in der Stadtbücherei Heidelberg (Poststraße 15) mit Valery Rüb am Akkordeon, veranstaltet von der GEDOK HD. Eintritt 7,-/5,- EUR.

Zwei kleine Romane, die Ekstase, Lust, Glanz, aber auch Komik, Zerrissenheit, Schmerz und Abgründe der erotischen Attraktion entfalten: kühn, offen und erzählerisch raffiniert angelegt, durchaus mit interkulturellem Flair. Denn es sind immer wieder auch die Geheimnisse des altchinesischen Tao, die ihre Aura verbreiten. Es geht um Sehnsucht, um helle und dunkle Momente, aufregende und enttäuschende Erfahrungen von Frauen, die sich ohne feministische Verbiesterung ganz selbstverständlich auf ihre Glücksbedürfnisse besinnen und doch fatalerweise in das abenteuerliche Seelen- und Lebenschaos ebenso abstoßender wie anziehender Männergestalten hineingezogen werden.

Hanna Leybrand: Tigerküsse
Zwei kleine Romane
Gebunden, 250 Seiten
ISBN 978-3-944512-03-7
Euro 19,80