Sonntag, 19. Januar 2014

Rezension: Die Auswerterin oder: Das Ende von Auschwitz von Elk von Lyck

"Sie gehören zu den Beherrschten. Sie haben das zu tun, was ich sage." (Im Bild: Eric Lenke und Carolin Sophie Göbel)

Am 28. Januar findet die Premiere von "Die Auswerterin oder: Das Ende von Auschwitz" statt. Ort: Gallus Theater Frankfurt.
Aus diesem Anlass hier die Rezension des Romans von inkultura-online:


Die wirklich bewegenden Bücher, die provozierenden und verstörenden, die, wie es die Aufgabe guter Literatur sein sollte, den Verstand herausfordernden und die Emotionen weckenden Texte stehen zu Unrecht abseits des medial goutierten Mainstreams. Was seinen Weg nicht in die Spalten des Feuilletons schafft, das findet naturgemäß auch keine Aufmerksamkeit beim Lesepublikum und kann dementsprechend leider keine Breitenwirkung erzielen. In Zeiten des praktizierten Konsumismus, die Ersatzreligion der breiten Masse, bilden die Kulturbeilagen der meinungsmachenden Printmedien keine Ausnahme und sind aufgrund dessen nur ein Spiegelbild der mentalen Befindlichkeiten dieses Landes und somit sind sie nur kommerziell orientierte und selbstreferentielle Zuarbeiter einer literarischen Industrie, die vornehmlich mit der Produktion von ephemeren Belanglosigkeiten beschäftigt ist.

Elk von Lyck ist ein Autor, der sich mit seinen Büchern außerhalb der vorherrschenden Richtung bewegt. Sein neuer Roman Die Auswerterin stellt sich überdies noch gegen die Deutungshoheit der aktuell herrschenden politischen Elite - die sich natürlich auch in Besitz des literarisch akzeptierten Kanons der historischen Bewertung der nationalsozialistischen Verbrechen wähnt - und deren Wacht über die vermeintlich korrekte Interpretation historischer Fakten.

Die Auswerterin provoziert geradezu Widerspruch und erzwingt damit eine Diskussion über gewohnte Denkstrukturen, die einzig der perpetuierten offiziellen Historiographie geschuldet sind. Das provokante Unterfangen des Autors ist die Frage danach, aus welchen Gründen die Alliierten trotz ihres Wissens um das Vernichtungslager Auschwitz, dessen Infrastruktur nicht bombardiert und so die dortigen Verbrechen, wenn auch nicht verhindert, so doch zumindest langfristig behindert haben.

Emily Brown ist im Jahr 1944 eine Auswerterin von Luftbildaufnahmen, die alliierte Flugzeuge über dem Luftraum Deutschlands machten. Aufgrund der ausgewerteten Fotos legte das alliierte Bomberkommando unter Führung des Air Chief Marshal der Royal Air Force, Arthur Travers Harris, die Ziele der Luftangriffe in Deutschland fest. Eines Tages entdeckt Emily auf einem Foto das Konzentrationslager Auschwitz und informiert darüber ihre Vorgesetzten. Sie stößt jedoch auf taube Ohren und schieres Unverständnis, das sie in der Folge zu einer wahnwitzigen Tat veranlasst. Sie betritt das Büro von Arthur Harris, nimmt ihn als Geisel und verlangt die sofortige Bombardierung dieses Lagers.

Was zu Beginn wie ein historische "Was wäre, wenn... ?" Fiktion erscheint, erhält schnell eine brisante Komponente. Die Alliierten befanden sich im Besitz von Kenntnissen über Auschwitz. Aus welchen Gründen haben sie dieses Lager nicht bombardiert? Dass die politischen Führungen der USA und Großbritanniens von der Existenz und dem Zweck des Konzentrationslagers wussten, ist von vielen Historikern inzwischen bestätigt. Warum Churchill und Roosevelt die umliegenden Fabriken angreifen ließen, nicht aber Auschwitz, ist bis heute eine unbefriedigend beantwortete Frage geblieben.

Im Verlauf der Geiselnahme entwickelt sich eine Diskussion zwischen Emily Brown und Arthur Harris, die zwei sich unversöhnlich gegenüberstehende Meinungen repräsentiert. Emily, eine unscheinbare und politisch eher uninteressierte Frau, bezieht auf einmal Stellung und fordert einen scheinbar mächtigen und einflussreichen Kommandierenden heraus. Wer mit den bisherigen Werken dieses Autors vertraut ist, der weiß um dessen Intentionen bezüglich der fatalen Auswirkungen - auch historisch betrachtet - verletzter Emotionen. So weist Emily darauf hin, dass auch die Briten aufgrund ihrer militärischen Aufrüstung gegen den Vertrag von Versailles verstoßen haben, dies den Deutschen jedoch zum Vorwurf gemacht haben. Sie lässt eine Reihe von historischen Ereignissen Revue passieren, mit denen sie darauf hinweist, dass jeder Krieg und jede militärische Auseinandersetzung bereits den Keim für die folgenden Konflikte beinhaltet. So wurde nach dem Ende des Ersten Weltkriegs mit dem Versailler Vertrag die wenige Jahre später stattfindenden Konflikte heraufbeschworen.

Von Lyck liefert in seinem Dialogroman Die Auswerterin eine provokante Antwort von Arthur Harris auf die Frage, aus welchen Gründen das Lager Auschwitz nicht angegriffen worden ist. Man musste, so der Air Chief, an die "politische Komponente" denken. Die Nazis sind von Nutzen, wenn es um die Eliminierung von Kommunisten geht, denn nach dem Krieg ist vor dem Krieg und der nächste wird gegen Stalins Weltrevolution geführt werden. Harris formuliert es im Roman folgendermaßen: "Man kann über die Nazis nicht viel Positives sagen, aber in diesem Fall sind sie sehr hilfreich."

Der Roman bewegt sich im Spannungsfeld von individueller Möglichkeit und politischer Realität. Was kann der Einzelne gegen ein System ausrichten? Wo und, noch viel wichtiger, wann muss er sich positionieren und gegen Gewalt und Willkür erheben? Emily Brown ist ein Rädchen in der Maschinerie des politisch-gesellschaftlichen Getriebes und wird von den Mächtigen - Arthur Harris - als zu unwichtig empfunden, um etwas bewirken zu können. Diese Unterschätzung kommt Harris und der Politik teuer zu stehen

Zieht man Parallelen zur aktuellen global-politischen Situation, dann muss man konstatieren, dass dem Individuum gegenüber den herrschenden Kräften des politisch-wirtschaftlichen Oligopols anscheinend auch nur die Rolle eines ohnmächtigen Beobachters zugestanden wird. Eine Allianz aus Finanzkapital und willfährigen Politikern ist dabei, den Planeten unter sich aufzuteilen. Hätte Emily Brown, haben auch wir gegen diese geballte Macht eine Chance?

Entnommen aus: inkultura-online


Die Auswerterin oder: Das Ende von Auschwitz

Roman 160 Seiten
2. Auflage. Mit Quellenverzeichnis.
Gedrucktes Buch EUR 9,90  E-Book EUR 4,99

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Hier finden Sie den Blog des Autors.


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